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Psychohygiene durch Priority setting und Wertehierarchie

Den Menschen misslingt es heute zunehmend, Ruhe zu finden oder sich zu konzentrieren: Oft verspüren Patienten wegen ständiger Aktivität innere Unordnung, bei der das eigene Leben nicht mehr nach Prioritäten geordnet werden kann. Heutige Formen der Mediennutzung verstärkten das: Viele fühlen sich gedrängt, immer online und erreichbar zu sein oder ständig E-Mails oder Facebook-Updates abzurufen. Den Betroffenen fällt ein Aufblicken, Rezipieren und Wahrnehmen der Realität schwer, und selbst Beziehungen werden durch das Smartphone und die Angst, etwas zu versäumen, oft gestört.

Diesem "Aktivismus-Modus" genau entgegengesetzt ist die Kontemplation, das man als "Sehen, wie die Dinge wirklich sind" bezeichnen könnte. Dieser Vorgang ist nicht unbedingt bewusst religiös, weil er auch etwa bei Bergsteigern stattfindet, die von ihren Erlebnisse mitunter als "spirituelle Erfahrung" sprechen, auch ohne selbst religiös zu sein. Was hier passiere, ist ein Aufnehmen und Bewahren von Eindrücken, Reflexion statt sofortiger Reaktion, sowie Schweigen und Warten auf das Kommende - ein vor allem passiver Vorgang.

Die betrachtende, anschauende Form des Gebets hat aus therapeutischer Sicht enorme positive Auswirkungen auf den Menschen - als Psychohygiene in Reinkultur. Kontemplative Menschen zeigen oft beeindruckenden Tiefgang und Stabilität, womit es ihnen besser gelingt, Krisen zu bewältigen, ganz in der Gegenwart zu leben und anderen Menschen intensiv zu begegnen. Das kontemplative Gebet trägt dazu bei, dass statt dem "Ich" Gott zum Referenzpunkt wird, was eigene Probleme in neuem Licht sehen lässt. Wer sich vor Gott als Geschöpf erlebt und sich in ihm geborgen erfährt, kann die neurotische Angst ablegen, die viele Menschen eine dicke, undurchdringliche Maske tragen lässt. Psychodynamisch ist die Haltung der Anbetung des Göttlichen "stimmig", zudem bewirkt sie Veränderungen für den Blick auf die Welt und die Beziehungen, sowie in Folge für den Umgang mit Menschen.

Die Gebetsform der Anbetung, bei der Menschen vor dem Allerheiligsten zu Ruhe kommen können, ist ein "Angebot der Zukunft" für die katholische Kirche und Alleinstellungsmerkmal. "Ihr 'unique selling point' ist die Eucharistie, nicht der Aktivismus. Die Kirche steht in Gefahr, dass sie mit dem Zeitgeist mitschwimmt, der glaubt, möglichst viel Programm in möglichst kurzer Zeit mit möglichst viel Spaß bieten zu müssen, wozu es jedoch ohnehin ein Überangebot gibt. Aktivismus zu bieten wäre hier zwar dieselbe Sprache, doch auch dieselbe Krankheit.

Um Kontemplation im Alltag zu praktizieren, ist es nötig, sich bewusst Zeit zu nehmen und dabei konsequent zu sein, denn sie drängt sich nicht gewaltsam auf wie etwa das summende oder piepsende Handy. Als Schlüssel für einen kontemplativen Lebensstil ist das Ordnen der Aufgaben und Lebensinhalte nach Prioritäten: priority setting als Weg zur Psychohygiene.

14:45 - 15:30

Raphael M. Bonelli

Raphael M. Bonelli

 
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